WB vom 19.März 2008

Der französische Trendsport »Le Parkour« soll in Versmold aber gesittet vonstatten gehen

 Active Image
Der Meister macht´s vor. Anderj Paß springt vor den Augen der Kursteilnehmer parallel zum Erdboden über
einen hölzernen Kasten. Er simuliert damit in der Sporthalle der Hauptschule den gewagten Sprung über ein
Hindernis wie eine steinerne Mauer. Fotos: Marco Purkhart

Von Marco
Purkhart

Versmold (WB). Jugendliche schwingen sich in fremden Vorgärte nüber Zäune, klettern über Mauern am Kirchplatz oder steigen über geparkte Autos. Was nach Anarchie klingt, ist in Frankreich unter dem Namen »Le Parkour« zu einem beliebten Trendsport geworden. Einen Parkour-Kurs gibt es seit Montag auch in Versmold. Bricht in der Stadt nun das Chaos aus?
Andrej Pass muss schmunzeln, als er diese provokante Frage gestellt bekommt. »Das werde ich natürlich oft gefragt. Gerade ältere Menschen fürchten, dass wir mit unseren Aktionen die City verwüsten und ihre Blumenbeete zertrampeln. Für diese Angst habe ich durchaus Verständnis«, weiß der 22-Jährige, dass die Versmolder wegen mehrerer zurückliegender Fälle von Vandalismus durch Jugendliche umso empfindlicher geworden sind.

Active Image

»Doch ich kann die Bürger beruhigen: In Versmold gehen wir unserem Sport nur in der Turnhalle nach«, sagt der Sportstudent, der seit Montag in Diensten der Volkshochschule Ravensberg und in Kooperation mit dem Jugendzentrum Westside einen viertägigen Schnupperkurs anbietet.
Ohnehin ginge es beim Parkour keineswegs darum, sich ohne Rücksicht auf Regeln und Gesetze die persönliche Bewegungsfreiheit herauszunehmen und dabei anderer Leute Besitz zu verwüsten, beteuert Pass: »Solch ein Verhalten ist verpönt in der Szene! Respekt vor fremdem Eigentum ist das höchste Gebot. Wir gehen mit äußerster Vorsicht vor und falls sich jemand von uns belästigt fühlt, dann treten wir sofort den Rückzug an.«
Aber warum nicht gleich dem drohenden Ärger aus dem Weg gehen und stattdessen drei Meter um die Steinmauer des Nachbarn herum spazieren, statt darüber zu steigen? »Das ist ja gerade das Parkour-Prinzip: Es geht darum, den geraden Weg zu nehmen und sich von keinem Hindernis aufhalten zu lassen«, erklärt Andrej Pass, der mit seinem Kumpel Tobias Becker (21) vor fünf Jahren Parkour für sich entdeckt hat. Dabei bestehe die Kunst der Fortbewegung darin, möglichst effektiv, schnell und elegant über das Objekt zu gelangen. »Unsere aufregendste Parkour-Route verlief über mehrere Etagen in einem Kölner Parkhaus. Ansonsten betätigen wir uns eher auf Spielplätzen oder in Ruinen«, versichert Andrej Pass, dass er im Gegensatz zu seinen französischen Sportkameraden noch nie über fremde Autos geklettert sei.
Davon rät er auch den elf Teilnehmern ab, denen er noch bis Donnerstag in der Sporthalle der Hauptschule die Grundlagen von Parkour vermittelt. Dort sind natürlich keine Fahrzeuge oder Gartenzäune aufgebaut. Als Hindernisse dienen Kästen und Bänke. Beim Überwinden dieser Geräte lernen die Jugendlichen neben zahlreichen Sprungvarianten auch, sich sicher abzurollen. Denn das Verletzungsrisiko ist beim Parkour recht hoch. Andrej Pass kündigt auch eine Philosophiestunde mit Verhaltensregeln an: »Schließlich sollen alle wissen, dass es beim Parkour um Körperbeherrschung geht - und nicht darum, unter dem Deckmantel sportlicher Kunst in der Öffentlichkeit ohne Respekt vor anderen die Sau rauszulassen.«

Der Erfinder
Der französische Schauspieler David Belle hat die Bewegungskunst »Le Parkour« erfunden. Er lernte als Kind von seinem Vater Raymond Belle, einem ehemaligen Vietnamsoldaten, in den Wäldern Nordfrankreichs die »Méthode Naturelle«, eine Kunst der Bewegung durch die Landschaft mit ihren natürlichen Hindernissen im Einklang mit Natur und Umwelt. Ende der 80er Jahre übertrug er diese Methode spielerisch auf die urbane Landschaft des Pariser Vorortes Lisses aus Beton und Stahl. Dabei gilt die Philosophie des geraden Weges: Der Parkour-Sportler bewegt sich von Punkt A nach B auf einer fiktiven Linie und überwindet alle ihm sich in den Weg stellenden Hindernisse wie Treppen, Tischtennisplatten, Papierkörbe, Mauern, Zäune, Baugerüste und sogar Gebäudefassaden sowie Hochhäuser. »Man testet die eigenen körperlichen Grenzen aus und erweitert sie kontinuierlich. Dabei macht der Mensch auch einen geistigen Reifeprozess durch, da er sich nicht überschätzen darf«, sagt Trainer Andrej Pass.